Trundholm: Der Sonnenwagen

Trundholm: Der Sonnenwagen
Trundholm: Der Sonnenwagen
 
Im dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen wird die größte und schönste Vollplastik der nordeuropäischen Bronzezeit aufbewahrt, die zugleich Auskunft über Kult und Religion der damaligen Zeit gibt: der »Sonnenwagen« von Trundholm. Im September 1902 wurden beim Überpflügen eines trockengelegten Moores bei Trundholm, unweit von Hojby oder Nykobing (Seeland, Dänemark), mehrere Teile eines Miniaturwagens und eines kleinen Pferdes, beide aus Bronze, gefunden, aus denen sich das weltbekannte Ensemble rekonstruieren ließ. Nach den gut verbürgten Fundumständen zu schließen wurde der schon zerbrochene Wagen auf der Oberfläche eines verhältnismäßig festen Moores abgelegt, also weder vergraben noch versenkt. Technische Details des »Sonnenwagens« wurden bei seiner Restaurierung erkennbar, nachdem er im Jahre 1960 durch einen Geistesgestörten mit einem Hammer schwer beschädigt wurde. Die Gesamtlänge der aus dem Pferd mit vierrädrigem Untergestell und der Scheibe mit zweirädrigem Wagengestell - beide sind durch eine deichselartige Stange verbunden - bestehenden Plastik beträgt 59,6 cm, der Durchmesser der Sonnenscheibe auf dem Wagen 26,4 cm und die Länge des Pferdes 29,3 cm. Alle sechs Vierspeichenräder sind in einem Stück gegossen und auf die Achsen geschoben, sodass sich die Räder drehen können. Die Ränder der Achsen und der Deichsel sind punziert. Die einem Diskus ähnliche Scheibe (in der Mitte circa 4 cm dick, Gewicht 1,5 kg) besteht aus drei Teilen: Zwei gewölbte Einzelscheiben werden mit einem 31-33 mm breiten Ring, der aufgegossen ist, zusammengehalten. Im Innern der Scheibe befindet sich ein Lehmkern. Die Scheibe ist durch eine Lasche in der deichselartigen Stange auf dem Wagengestell befestigt. Beide Seiten der Scheibe tragen einen sehr ähnlichen Punzdekor aus Perlbändern und anderen Motiven. Konzentrische Ringe gliedern die Fläche in drei mit Kreismustern oder Spiralen verzierte Zonen. Die beiden Einzelscheiben unterscheiden sich in einer Hinsicht: Nur auf eine wurde ein Belag aus Goldblech (mit circa 10 % Silber, 3 %Kupfer) gepresst, auf dem sich die darunter liegenden Muster abzeichnen.
 
Das dünnwandige Pferd (Länge 29,3 cm, Höhe 18,8 cm; Gewicht 2,64 kg), die größte vollplastische Figur der europäischen Bronzezeit, wurde über einem Lehmkern gegossen. Am Nacken und hinteren Rücken sind beim Guss entstandene Fehlstellen gleich korrigiert worden. Schwanz, Ohren und Unterschenkel des Pferdes sind massiv. Kopf und Hals des Pferdes sind mit Punktreihen und Rillenbündel verziert - vielleicht ein Hinweis auf ein Prunkgeschirr -, wobei die Mähne durch Schrägstriche angedeutet wird. Pechreste in der Tülle des Schwanzes lassen auf die Befestigung einer Einlage schließen; möglicherweise wurden Rosshaare festgeklebt. Die jetzt hohlen Augen waren wohl ursprünglich mit einer Harzmasse gefüllt. Kleine Löcher über dem Pferdemaul sprechen dafür, dass das Pferd aufgezäumt war, das Zaumzeug - vielleicht aus organischem Material - inzwischen aber abgefallen ist. Am Hals befindet sich eine Öse, desgleichen eine an der Scheibe; eventuell waren sie für eine Zugleine bestimmt.
 
Die zeitliche Einordnung des »Sonnenwagens« von Trundholm ist leicht vorzunehmen, denn die Verzierungen auf der Scheibe finden sich auf vielen Bronzen und Goldgegenständen der älteren Nordischen Bronzezeit, genauer der Periode II im 14. Jahrhundert v. Chr. Nach den Fundumständen zu schließen handelt es sich um einen sakralen Gegenstand, der vermutlich mit Absicht zerstört wurde, vielleicht um ihn vor einer Entweihung bei einer drohenden Plünderung zu bewahren.
 
Schon vor der Entdeckung des Trundholmer Ensembles waren führende europäische Bronzezeitforscher der Auffassung, dass es einen weit verbreiteten Sonnenkult gegeben habe (Montelius, Joseph Déchelette, Sophus Müller). Mit dem spektakulären Fund des »Sonnenwagens« war für diese These die Bestätigung erbracht, denn die von einem Pferd auf einem Wagen gezogene, goldschimmernde Scheibe stellt fast eine Parallele zum vierspännigen Wagen des griechischen Sonnengottes Helios dar, mit dem der Gott tags den Himmel überquert. Die Deutung der Scheibe als Sonne, die auf einem Wagen über den Himmel gezogen wird, gilt als gesichert, wobei die goldene Seite der Scheibe den Tag, die bronzene die Nacht verkörpert. Es ist natürlich nicht an einen rotierenden Himmelskörper gedacht. Die goldblechbelegte Scheibe lässt sich mit anderen großen Goldscheiben, die sowohl aus Niederlegungen wie aus Gräbern bekannt sind, vergleichen.
 
Auf den ersten Blick ist der Sonnenwagen von Trundholm ein einzigartiges Kunstwerk innerhalb des Nordischen Kreises, sodass die ältere Forschung seine Herkunft aus dem frühgriechischen oder -italischen Bereich in Erwägung zog. Nicht zuletzt wegen des zeitlichen Abstands wird das heute ausgeschlossen. Der Fund zweier kleinerer, zeitgleicher Pferdeplastiken in Tagaborgshöjden bei Helsingborg (Schonen), eines davon größtenteils, eines ganz erhalten (17,5 cm lang), lässt daran denken, dass es mehrere solche bronzenen Kultobjekte gegeben hat. Bei diesem Fund handelt es sich wohl um ein Gespann, das einen Wagen mit Sonnenscheibe gezogen haben könnte. Es wurden auch einzelne Bronzepferdchen gefunden; nicht auszuschließen ist, dass weitere Pferdeplastiken aus Holz geschnitzt waren. Dem Trundholmer Pferdekopf ähneln eine Reihe kleiner Pferdeköpfe, die als Griffe an bronzenen, einschneidigen Rasiermessern der Periode II dienen. Die zweirädrigen Wagen mit ihren Speichenrädern treten in dieser Periode - mit und ohne Pferdedarstellung - erstmals in Alteuropa, also außerhalb der mykenischen Welt auf; sie sind als westlichste Ausläufer der vorderorientalischen »Streitwagenbewegung« zu betrachten. Überhaupt ist das Spektrum von Pferdedarstellungen recht breit und wird im Nordischen Kreis in der auslaufenden Bronzezeit und der Älteren Eisenzeit fortgeführt. Auf Felsbildern der späten Bronzezeit Skandinaviens und an Rasiermessern ist die von Pferden gezogene Sonne zu sehen, zuweilen ist sie auch auf einem Schiff fahrend dargestellt. So verfügen wir heute über eine umfangreiche Quellenbasis, die Einblick gibt in die religiöse Vorstellungswelt der Bronzezeit und die zentrale Stellung von Pferd und Sonne im Nordischen Kreis.
 
Prof. Dr. Albrecht Jockenhövel
 
 
Archäologische Bronzen, antike Kunst, moderne Technik, herausgegeben von Hermann Born. Berlin 1985.Ausstellungskatalog, Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin.

Universal-Lexikon. 2012.

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